Ärztliche Leistungen gehören in ärztliche Hände

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Die Ärztekammer für Salzburg zur Entstehung von Parallelstrukturen im Gesundheitswesen: Warum der Ausbau ärztlicher Versorgung die Antwort sein muss – und nicht ihre Umgehung.

Das österreichische Gesundheitssystem steht unter Druck – das ist unbestritten. Zu wenige Kassenarztstellen, überlastete Spitalsambulanzen, regionale Versorgungslücken. Diese Probleme sind real, und sie verlangen nach echten Lösungen. Was wir stattdessen beobachten, sind zunehmend Parallelstrukturen: Ärztliche Leistungen sollen in Apothekenräumlichkeiten verlagert werden, durch überregionale Anbieter per Videoverbindung, außerhalb des bestehenden ärztlichen Versorgungsnetzes. Die Ärztekammer für Salzburg sagt klar: Das ist nicht die Antwort auf die Probleme im Gesundheitswesen – es ist eine Ablenkung davon unter fragwürdigem Einsatz öffentlicher Gelder.

„Wer den Ärztemangel bekämpfen will, muss in die ärztliche Versorgung investieren. Nicht in Strukturen, die sie umgehen.“

– Dr. Matthias Vavrovsky, Präsident der Ärztekammer für Salzburg

1. Ärztliche Leistungen in Apotheken: Was dahintersteckt – und was fehlt

In mehreren österreichischen Bundesländern entstehen derzeit Projekte, die telemedizinische Arztkonsultationen in Apothekenräumlichkeiten vorsehen. Das Modell ist ähnlich: Patientinnen und Patienten werden in der Apotheke empfangen, das pharmazeutische Personal erhebt erste Befunddaten, und anschließend wird eine Videoverbindung zu einem externen Arzt hergestellt. Arzneimittel können direkt in der Apotheke bezogen werden. Die Intention dahinter ist verständlich. Die medizinische Logik dahinter ist es nicht.

Die konkreten Risiken

Das grundlegendste Problem ist die fehlende Kontinuität: Eine Ärztin oder ein Arzt, der Patient*innen nicht kennt und keine Krankengeschichte vorliegen hat, kann nur eingeschränkt diagnostizieren. Was in der Hausarztpraxis durch ein langjähriges Behandlungsverhältnis selbstverständlich ist, fehlt im anonymen Erstkontakt vollständig. Wer für verschiedene Beschwerden verschiedene Anlaufstellen aufsucht, wird in der Folge nicht ganzheitlich behandelt – Fragmentierung der Versorgung ist das Gegenteil von guter Medizin und kostet das System am Ende mehr, nicht weniger.

Dazu kommt ein weiterer, oft zu wenig beachteter Aspekt: die Frage der Kommerzialisierung. Externe Anbieter, die in Apothekenräumlichkeiten medizinische Dienste vermarkten, verfolgen wirtschaftliche Interessen. Das ist ihr gutes Recht – es muss aber klar von einer gemeinwohl­orientierten Gesundheitsversorgung unterschieden werden. Medizinische Leistungen, die als Service-Angebot vermarktet werden, folgen einer anderen Logik als die ärztliche Grundversorgung.

Und schließlich – und das ist vielleicht das gravierendste Argument – lenkt jede politische Energie, die in Parallelstrukturen fließt, von der eigentlichen Aufgabe ab. Der Ausbau der Kassenversorgung, die Vergütungsreform, die Entbürokratisierung der Kassenarztpraxen: Das sind die Maßnahmen, die tatsächlich helfen. Solange hier der Handlungsdruck durch Ausweichstrukturen gemildert wird, fehlt der politische Anreiz, die richtigen Probleme zu lösen.

„Telemedizin ist ein Werkzeug. Gut eingesetzt, kann sie viel leisten. Als Ersatz für das Arzt-Patienten-Verhältnis ist sie keine Lösung – sie ist eine Verschiebung des Problems.“

– Dr. Matthias Vavrovsky, Präsident der Ärztekammer für Salzburg

2. Impfen in der Apotheke: Mehr als ein Stich – und mehr als ein Zugangsweg

Die Bundesregierung hat angekündigt, Impfungen ab 2027 auch in Apotheken zu ermöglichen. Ziel ist die Erhöhung der Durchimpfungsrate – ein legitimes und wichtiges Anliegen. Die Österreichische Ärztekammer lehnt diesen Schritt ab, und die Ärztekammer für Salzburg schließt sich dieser Haltung ausdrücklich an. Nicht aus Prinzip, sondern aus medizinischer Überzeugung.

Was eine Impfung medizinisch bedeutet

Eine Impfung ist kein reiner Verabreichungsakt. Sie beginnt mit einer ärztlichen Beurteilung: Welche Vorerkrankungen bestehen? Welche Medikamente werden eingenommen? Gibt es Allergien oder aktuelle Infekte, die eine Kontraindikation darstellen? Diese Fragen sind nicht mit einer Checkliste zu beantworten – sie erfordern medizinisches Urteilsvermögen, das in einem jahrelangen Studium und klinischer Praxis erworben wird. Jede Impfung kann zudem – selten, aber real – eine systemische Reaktion auslösen, die sofortiges medizinisches Handeln erfordert. Eine Apothekeninfrastruktur ist dafür strukturell nicht ausgestattet.

Hinzu kommt ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte oft zu kurz kommt: Damit Menschen sich impfen lassen, brauchen sie Überzeugung, nicht nur eine Gelegenheit. Die entscheidende Frage ist nicht, ob eine Apotheke in der Nähe ist – sondern ob jemand da ist, dem man vertraut, der die persönliche Krankengeschichte kennt und erklären kann, warum diese Impfung jetzt, in dieser Lebenssituation, sinnvoll ist. Dieses Vertrauensverhältnis entsteht in der Arztpraxis – und genau dieses Gespräch ist es, das Menschen schließlich zur Impfung bewegt.

Das eigentliche Problem: Verfügbarkeit und Rahmenbedingungen

Die Impfquote in Österreich ist nicht deshalb niedrig, weil Apotheken nicht impfen dürfen. Impfstoffe sind zu oft nicht in ausreichender Menge und zur richtigen Zeit verfügbar, der bürokratische Aufwand für Ordinationen ist unverhältnismäßig hoch, und die Impfleistung im niedergelassenen Bereich wird nach wie vor nicht adäquat vergütet. Hier muss die Politik ansetzen – nicht an der Frage, wo ein Stich gesetzt wird. Österreich verfügt im internationalen Vergleich über einen gut ausgebauten niedergelassenen Bereich mit zahlreichen Impfmöglichkeiten in Ordinationen. Was es braucht, ist die konsequente Stärkung dieser Strukturen: optimiertes Bestellwesen, gesicherte Impfstoffverfügbarkeit, faire Vergütung.

„Die Frage ist nicht: Wo wird geimpft? Die Frage ist: Warum lassen sich zu wenige Menschen impfen? Die Antwort liegt im Vertrauen, in der Aufklärung, im teils hohen Impfstoffpreis und in der immer wieder mangelnden Verfügbarkeit von Impfstoffen – nicht im Ort der Verabreichung.“

– Dr. Christoph Fürthauer, Vizepräsident der Ärztekammer für Salzburg, Kurienobmann niedergelassene Ärzte

3. Ärzte und Apotheker: Stärke durch klare Rollen

Die Ärztekammer für Salzburg betont ausdrücklich: Diese Positionierung ist keine Kampfansage an die Apothekerschaft und kein Versuch, Berufsgruppen gegeneinander auszuspielen. Apothekerinnen und Apotheker erfüllen eine unverzichtbare Funktion im Gesundheitssystem – als Fachleute für Arzneimittel und als verlässliche Schnittstelle zwischen Verordnung und Einnahme. Diese Leistung verdient Anerkennung, und sie ist unbestritten.

Aber ein Gesundheitssystem, in dem Zuständigkeiten verschwimmen, wird schwächer, nicht stärker. Klare Rollen sind kein bürokratisches Prinzip – sie sind die Voraussetzung dafür, dass jede Berufsgruppe das leisten kann, wofür sie ausgebildet wurde. Ärztliche Kernleistungen – Diagnose, Therapieentscheidung, medizinische Aufklärung, Impfung – setzen Ausbildung, klinische Erfahrung und ein durchgehendes Behandlungsverhältnis voraus. Das ist nicht verhandelbar. Nicht weil die Ärzteschaft Territorien verteidigt, sondern weil es der Patientensicherheit dient.

Die Ärztekammer für Salzburg setzt sich daher für einen konsequenten Ausbau der ärztlichen Primärversorgung ein: mehr Kassenstellen, bessere Vergütung, Bürokratieabbau und die Lösung der Impfstoffverfügbarkeitsprobleme im niedergelassenen Bereich. Neue Versorgungsmodelle müssen im bestehenden System eingebettet und gemeinsam entwickelt werden – das setzt die strukturierte Einbindung der Ärzteschaft von Beginn an voraus. Für den Dialog darüber steht die Ärztekammer für Salzburg bereit.

„Ein gutes Gesundheitssystem lebt nicht davon, dass alle alles können – sondern davon, dass jede Berufsgruppe das, was sie am besten kann, auch wirklich tun darf. Stärke im Gesundheitssystem entsteht nicht durch Zuständigkeitserweiterung, sondern durch Kompetenztiefe. Dafür stehen wir als Ärzteschaft ein. Für uns selbst – und für alle anderen im System.“

– Dr. Matthias Vavrovsky, Präsident der Ärztekammer für Salzburg

4. Fazit

Parallelstrukturen, die ohne Abstimmung entstehen und ärztliche Kernleistungen in nicht-ärztliche Kontexte verlagern, sind kein Fortschritt, sondern Ressourcenvergeudung. Sie sind eine Reaktion auf Probleme, die mit den richtigen Mitteln gelöst werden könnten – wenn der politische Wille dazu da wäre. Die Ärztekammer für Salzburg steht für diesen Weg: mehr Investition in die ärztliche Kassenversorgung, klare Verantwortlichkeiten, starke Berufsbilder. Und sie lädt alle Beteiligten ein, diesen Weg gemeinsam zu gehen – zum Wohl der Patientinnen und Patienten im Land Salzburg.