Leitartikel

Aus der Salzburger Ärztezeitung "med.ium"

In unserem klinischen Alltag ist Unsicherheit ein ständiger Begleiter. Wir können Wahrscheinlichkeiten abwägen, begleiten, da sein, aber eine hundertprozentige Sicherheit haben wir selten anzubieten. Diese Ungewissheit auszuhalten, ist Teil unserer Arbeit, und doch zählt sie zu den stillsten Belastungen, die wir tragen. Die medizinische Unsicherheit ist uns vertraut; mit ihr umzugehen, haben wir gelernt. Schwerer wiegt eine andere: Die Ungewissheit darüber, wie es im Großen weitergeht – mit unserem Gesundheitssystem ebenso wie mit der Welt um uns herum. Auf sie können wir als Einzelne kaum einwirken, oft können wir sie nicht einmal verlässlich abschätzen.

Und doch erwarten unsere Patientinnen und Patienten von uns das Gegenteil dieser Unsicherheit: Halt in einem Moment, in dem ihr eigener Boden ins Wanken geraten ist. Wir sind es gewohnt, dieser feste Punkt zu sein. Wir entscheiden unter Druck, tragen Verantwortung, bewahren Haltung – auch dann, wenn uns selbst der Atem stockt. Das gehört zu unserem Beruf, und wir erfüllen ihn mit großer Hingabe. Doch es hat seinen Preis. In den Gesichtern mancher Kolleginnen und Kollegen sehe ich in letzter Zeit eine Müdigkeit, die tiefer reicht als ein fordernder Dienst – die Erschöpfung einer Zeit, in der wir anderen Halt geben sollen und selbst nach Halt suchen.

Wir kümmern uns von Berufs wegen um die Verletzlichen. Dabei vergessen wir nur zu leicht, dass auch wir verletzlich sind. Der Anspruch, immer zu funktionieren, immer verfügbar, immer stark zu sein, ist ein stilles Risiko – für unsere Gesundheit, für unsere Familien und am Ende auch für die Qualität unserer Arbeit. Wer selbst ausgebrannt ist, kann für niemanden mehr da sein.

Deshalb möchte ich an dieser Stelle einmal nicht über Strukturen und Reformen schreiben, sondern über uns selbst. Maßhalten ist keine Schwäche. Erholung ist kein Luxus, sondern die Voraussetzung dafür, diesen Beruf über Jahrzehnte mit Freude auszuüben. Eine Grenze zu ziehen – nach dem Dienst tatsächlich nach Hause zu gehen, nach Ordinationsschluss nicht ständig erreichbar zu bleiben, sich Bewegung zu gönnen, einen freien Tag wirklich frei sein zu lassen – ist kein Zeichen mangelnden Engagements. Es ist Ausdruck von Verantwortung, auch uns selbst gegenüber.

Und vielleicht dürfen wir mit der Unsicherheit selbst einen anderen Umgang lernen. Sie lässt sich nicht wegarbeiten, so sehr wir es uns wünschen. Mitunter besteht die ärztliche Kunst nicht darin, alles zu lösen, sondern darin, in der Ungewissheit ruhig zu bleiben und den Menschen nicht allein zu lassen. Diese Gelassenheit dürfen wir auch uns selbst zugestehen.

Und wir müssen das nicht allein tragen. Resilienz und mentale Gesundheit wachsen vor allem aus Beziehung – aus den Menschen, die uns nahe sind, und aus uns selbst als Ärzteschaft, die füreinander da ist. Einander zuzuhören, einander zu entlasten, füreinander einzustehen: Das stärkt uns oft mehr als jeder gute Vorsatz.

Ich wünsche uns allen, dass wir gut auf uns selbst und aufeinander achtgeben – und dass wir den Sommer nutzen, um durchzuatmen und wieder Energie zu tanken. Diese Kraft brauchen wir, um auch weiterhin für andere da sein zu können. Nehmen Sie sich die Zeit, die Sie brauchen. Sie ist gut investiert.
 

Herzlich, Ihr

Dr. Matthias Vavrovsky, MBA

Präsident der Ärztekammer für Salzburg

Anregungen und Kritik immer erwünscht unter: pressestelle[at]aeksbg.at

Aus dem "med.ium"


Diesen und weitere Artikel finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Salzburger Ärztezeitung med.ium.