Leitartikel


Seit Jahren steht das Auswahlverfahren für das Medizinstudium in Diskussion und Kritik. Sentimentale Reminiszenzen am unbehinderten Zugang zu unseren Universitäten in den eigenen, längst vergangenen Studienzeiten oder nur der Ärger und das Mitleid über das Scheitern von Kindern und EnkelInnen an dieser Hürde sind wohl gut verständlich, aber dies begründet sicher keine sachliche Kritik. Denn am grundsätzlichen Bedarf an einem Auswahlverfahren kann bei einer annähernd zehnfachen „Überbuchung“ schwerlich ein Zweifel bestehen. Durchaus gewichtig und fundiert sind jedoch Einwände, die in Zweifel stellen, dass dieses höchst kompetitive Auswahlverfahren auch ein hinreichender Eignungstest für den wohl angestrebten ärztlichen Beruf sei.

Die Diskussion um das Auswahlverfahren wurde in der letzten Zeit durch einen Vorschlag aus der ÖGK angefacht, BewerberInnen mit dem Berufsziel Allgemeinmedizin den Zugang zum Studium durch eine Absenkung der ansonsten erforderlichen Testergebnisse zu ermöglichen.

Der Vorschlag mag ja gut gemeint sein, gründlich bedacht kann er nicht sein. Zunächst ist es nun durchaus berechtigt, ein Auswahlverfahren zu fordern, das die BewerberInnen stärker hinsichtlich sozialer Kompetenzen bewertet – aber es ist zunächst völlig abwegig, einer Kandidatin oder einem Kandidaten mit nicht ausreichendem Ergebnis im derzeitigen Testkonzept gesteigerte soziale Kompetenz zuzuordnen. Weiters verkennt dieser Vorschlag, dass soziale Kompetenz in ihrem Umfang nicht fachspezifi scher Gewichtung bedarf, sondern unverzichtbare Basis ärztlichen Berufsverständnisses an sich darstellt. Die darauf aufbauenden ärztlichen Werthaltungen, die humanistische Dimension unseres Berufes, sind daher explizit Fundament für alle medizinischen Disziplinen.

Der Vorschlag konterkariert aber auch alle Bemühungen, dem im Kanon der medizinischen Disziplinen zweifelsfrei gleichwertigen Fach Allgemeinmedizin die zustehende Anerkennung zukommen zu lassen. Denn kaum ist die Beschädigung der Reputation der Allgemeinmedizin erfolgreicher vorstellbar, als durch die systematische Rekrutierung von scheiternden TestkandidatInnen. Den dargestellten aktuellen Beitrag zum Auswahlverfahren an medizinischen Universitäten kann man sicher als „gut gemeint“ ablegen.

Aber der Anspruch in diesem Verfahren, intensiver Parameter zu identifi zieren und zu beurteilen, die die soziale Kompetenz berücksichtigen, ist durchaus berechtigt. Wenn wir diese Bereiche allerdings stärker entwickeln wollen, werden wir nicht nur das Auswahlverfahren der Universtäten verändern müssen. Wir sollten unserem ärztlichen Nachwuchs diese Haltungen wohl auch überzeugender vorleben.

 

Mit kollegialen Grüßen
Bleiben Sie und Ihre Familien gesund!

Ihr Dr. Karl Forstner,

Präsident der Ärztekammer für Salzburg