Leitartikel

Beneiden wird wohl kaum jemand Politiker in den Zeiten der Pandemie. Nahezu jeder Entscheidungsfindung fehlt die Erfahrung, widerstrebende Interessen suchen konkurrierend und fordernd Anerkennung und der Chor der Expert*innen ist durchaus dissonant. Ob des oftmals torkelnd scheinenden Kurses sind Kritik, Beschwerden und Enttäuschung wohl nicht immer gerecht, aber dennoch zunehmend verständlich. Gänzlich unbegründet ist die Unzufriedenheit ja auch nicht. Das spüren nicht nur bisweilen skurrile „Wutbürger“, sondern ganz nah die Angehörigen der Gesundheitsberufe. Diese unzweifelhaft existenten Unzulänglichkeiten betreffen alle Phasen dieser Pandemie und gründen häufig auf fragwürdigen Grundsatzentscheidungen der Gesundheitspolitik weit vor ihrem Auftreten. Und nur mit hohem Risiko kann man darauf wetten, dass nach der Krise nicht wieder „Kostendämpfungspfade“ die gesundheitspolitische Debatte heimsuchen werden.

Aber derzeit ist unser ganzes Streben, unsere Hoffnung und Zuversicht an die Impfkampagne gebunden. Natürlich ist hier das erste Ziel Verhinderung von Krankheit und ihren Folgen, aber nicht minder wollen wir unser „altes Leben“ zurück. Bewundernd und wohl auch neidvoll sehen wir manche Staaten so viel schneller und erfolgreicher voranschreiten. Und tatsächlich, ein Ruhmesblatt ist Österreichs Impfaktion tatsächlich nicht. Zunächst das vollmundige Versprechen einer fulminanten
Impfkampagne, die von ihrem Beginn an mit Impfstoffmangel belastet war. Auch die Übernahme der Organisation der Impfkampagne durch die Bundesländer steht immer wieder in Kritik. Wer aber die allererste Phase des Impfmanagements durch Bundesstellen erlebt hat, weiß, dass diese Entscheidung letztlich das Chaos verhindert hat.

Die Frage, ob nun Impfstraßen oder impfende Ordinationen die Zielsetzungen am effektivsten erreichen, wird auch im Kollegenkreisen bisweilen mit dogmatischem Eifer diskutiert. Und zweifelsfrei, Impfstraßen sind höchst erfolgreich, wie etwa die britische Kampagne zeigt. Sie sind dies, zumindest im flächendeckenden Einsatz, allerdings nur bei großen, verlässlich vorhandenen Impfstoffmengen. Bei geringen Impfstoffmengen, bei ausfallenden Lieferungen und bei erhöhtem Bedarf an   Beratung können sie sich nur schwerfällig anpassen. Deutschland macht vielerorts diese Erfahrung mit Impfzentren. Die im Nachbarland aufkommende Kritik an der erst späten Beteiligung der Ordinationen ist daher gut nachvollziehbar. Das an die Topographie des Versorgungsgebietes und an die Impfstoffmenge angepasste flexible Konzept ist daher für Salzburg der richtige Weg. Unverzichtbar ist dabei das Rote Kreuz als höchst leistungsfähiger, verlässlicher Partner der Ärzteschaft.

Überall in Österreich mangelt es bislang an Impfstoff. In allen Bundesländern sind Ärztinnen und Ärzte in Ordinationen, in Impfstraßen und in Betrieben bereit, die Impffrequenz massiv zu steigern. Impfende Apotheken fehlen jedenfalls in diesem Setting nicht. Das sagt nicht nur die Ärztekammer, sondern auch der Hausverstand.

 

Mit kollegialen Grüßen
 

Ihr Dr. Karl Forstner,

Präsident der Ärztekammer für Salzburg