Leitartikel

Das nationale Impfgremium empfiehlt derzeit für zahlenmäßig weitgefasste Populationen eine additive Impfdosis in Ergänzung zur primären Immunisierung. Diese Empfehlung ist zweifelsfrei durch Daten gestützt und auch die Zulassung dieser zusätzlichen Impfdosis in einer ganzen Reihe von Staaten bestärkt wohl in diesem Vorgehen. Tatsache ist aber auch, dass derzeit weder eine „europäische“ noch eine Zulassung auf nationaler Ebene besteht.

Die nun hier empfohlene zusätzliche Impfdosis ist demnach bis auf weiteres im „off label use“ anzuwenden. Dieser Arzneimitteleinsatz außerhalb der zugelassenen Indikationsgrenzen ist nun nichts völlig Ungewöhnliches in der heutigen Medizin, bedeutet allerdings durch die Verpflichtung zu gesteigerter Aufklärung einen klaren Mehraufwand auf Seite der in der Pandemie geforderten Ärzteschaft.

Dieses Beispiel fügt sich nun als vorläufig letztes in eine lange Reihe von oftmals realitätsfernen, wenig hilfreichen und nicht selten eher behindernden Maßnahmen unserer Gesundheitsbürokratie aller Ebenen. Diese ganze Flut von verbindlichen Empfehlungen, von Verordnungen, von Erlässen und Gesetzen mag zwar im guten Wollen entstanden sein, die Inhalte waren allerdings oft widersprüchlich oder Problemstellungen nur unvollständig erfasst und dargestellt; und viel zu oft haben sie die Arbeit der Gesundheitsberufe eher verkompliziert, denn unterstützt.

Betroffen waren hier alle Phasen der Pandemie, „Highlights“ waren aber zweifelsfrei der Beginn der Impfkampagne und die rasch wechselnden und über das Bundesgebiet uneinheitlichen Testkonzepte.
Erste Analysen, etwa des Bundesrechnungshofs, zeigen auch auf Schwachstellen unseres Gesundheitssystems als Ursachen dieser Problematiken. Die föderale Struktur des Gesundheitsbereichs ist unter „Normalbedingungen“ sicherlich besser als mancher Kritiker meint. So hat etwa die Zentralisierung der Sozialversicherungen bisher nur viel Geld verschlungen. Aber im „Ausnahmezustand“ einer Gesundheitskrise versagen offensichtlich Kommunikation und Koordination dezentraler Strukturen.

Allerdings muss man diesen wiederum zugutehalten, dass bei weitgehendem Fehlen einer kompetenten zentralen Struktur und häufig verwirrenden bundespolitischen Auftritten, ihr Engagement und Beitrag unverzichtbar war. Wir alle hätten wohl auf diese Art der Erfahrung verzichten können, dennoch kann man daraus vieles lernen. Es wird nicht zuletzt die Aufgabe der ärztlichen Standesvertretung sein, diese Analyse zu fordern und sie mit unseren Erfahrungen zu unterstützen.

Mit kollegialen Grüßen

 

Ihr Dr. Karl Forstner

Präsident der Ärztekammer für Salzburg