Leitartikel

 


 

Der seit Jahren von den Ärztekammern vorhergesagte Ärztemangel ist nunmehr in der Wahrnehmung der Bevölkerung und sogar in den Köpfen der Politik angekommen. Die Ursachen für diesen Mangel sind vielfältig. Steil ansteigende Pensionierungsraten in der  niedergelassenen Ärzteschaft und erstmals auch bei Spitalsärzten, die Tendenz zu Teilzeitbeschäftigungen aus unterschiedlichen Motiven, die längst überfälligen Beschränkungen von Arbeitszeit und natürlich die zunehmenden Leistungsanforderungen einer wachsenden und vor allem älter werdenden Bevölkerung sind zweifelsfrei die wichtigsten Gründe für diese Entwicklung.

Unser Land steht mit dieser bedenklichen Entwicklung aber nicht allein. Dies gilt nahezu ausnahmslos für alle hochentwickelten Länder der EU. Und nicht wenige dieser Staaten unterdecken mit knapp bemessenen Studienplätzen ihren Bedarf an ärztlichem Personal deutlich. Defizite werden bereits seit Jahren mit ausländischen Ärztinnen und Ärzten zumindest teilweise abgedeckt. Der Wettbewerb um medizinisches Fachpersonal ist in Europa längst Realität und wird sich angesichts der inzwischen unausweichlichen Entwicklungen erheblich verschärfen. Dieser Prozess beschädigt insbesonders osteuropäische Gesundheitssysteme durch Abwanderung des dort ausgebildeten Fachpersonals nachhaltig. Aber auch Österreich spürt diesen Sog, verstärkt durch die Quotenregelung des Medizinstudiums deutlich.

Und man hätte Wetten gewonnen; aus Österreichs Politik kommen skurrile Vorschläge. So wird ernsthaft bei ca. zehnfacher Überbuchung der Studienplätze vorgeschlagen, auf Auswahlverfahren zu verzichten; in Verkennung der europäischen Dimension des Problems die Zahl der Studienplätze zu erhöhen und neue Universitäten zu gründen; angehende Mediziner sollen bereits vor Studienbeginn auf spätere Berufslaufbahnen und den Verbleib in einem Bundesland festgelegt werden; ja selbst die nur für Mediziner angedachte „Rückzahlung" von Studienkosten bei Migration ins Ausland findet sich in der Vorschlagsliste.

Abseits aller Rechtsnormen werden hier jene Werte verkannt, mit denen unsere Gesellschaft jungen Menschen begegnen soll. Es ist unsere Aufgabe ihnen Chancen durch Bildung zu öffnen, sie entscheidungsfähig zu machen und sie ganz sicher nicht einzuengen und zu bevormunden.

Aber entscheidungsfähige Ärztinnen und Ärzte muss man dann auch im europäischen Wettbewerb für unser Gesundheitssystem gewinnen und dauerhaft halten. Hier hätte unsere Politik ausreichend Handlungsfelder. So zeigen etwa die jährlichen Umfragen der österreichischen Ärztekammer zur Ausbildungsqualität deutliche Defizite auf. Der Mangel an Allgemeinmedizinern ist nicht schicksalshaft entstanden. Fehlende Abbildung des „Sonderfachs Allgemeinmedizin" an den Universitäten, häufig überschaubares Engagement der Spitäler in der postpromotionellen Ausbildung der Allgemeinmediziner, Defizite der Leistungs- und Honorarkataloge sind wohl die wesentlichen und einer Korrektur zugänglichen Ursachen. Zunehmende Leistungsverdichtungen in der Arbeit unserer Spitalärzte und Aufweichungen der Arbeitszeitregelungen sind wohl auch kein „Standortvorteil" auf einem kompetitiven Arbeitsmarkt. Selbstverständlich vergleichen auch Ärztinnen und Ärzte die Einkommensbedingungen in den unterschiedlichen Sektoren unseres Gesundheitssystems und mit den Angeboten des Auslands.

Es ist Realität, Österreich steht gerade in der Medizin in einem sich verschärfenden internationalen Wettbewerb am Arbeitsmarkt. Aber auch innerhalb unseres Landes ist dieser Wettbewerb längst in Gange. Der Bedarf der Spitäler konkurriert mit jenem des „Kassenbereichs" und innerhalb der Niederlassung verschieben sich die Zahlen von Vertragsärzten und Wahlärzten. Und den Wettbewerb zwischen Bundesländern werden wir auch noch sehen.

Hier mit Beschränkungen, Zwang oder gar „Strafen" steuern zu wollen, muss bei einer national nicht einhausbaren Disziplin scheitern. Es werden die Bedingungen sein, die Ärztinnen und Ärzte im Land, in Kassenverträgen und in den Spitälern halten.

Ihr Karl Forstner,
Präsident der Ärztekammer für Salzburg